Abschied
vom Ritze-Boss
Hanne Kleine
Hanne Kleine der Inbegriff der
Ritze, ist verstorben. Der Mann
der eine Legende auf und um den Kiez war ist
im Alter von 79 Jahren im Marienkrankenhaus
einer schweren Wundinfektion erlegen..

Oben saufen, unten schlagen
... und immer nett grüßen:
Die Hamburger Kiez-Kneipe "Zur Ritze"
betreibt in ihrem Untergeschoss einen legendären
Boxkeller. Mittlerweile trainiert dort vor allem
das Milieu und dabei gibt es ein paar Spielregeln
zu beachten. Ein Knigge für harte Kerle

Keine Namen. Sonst brechen wir
das hier sofort ab. Damit wir uns da gleich
richtig verstehen: Keine Namen und auch keine
Preise. Nur eine Geschichte.
Und die beginnt so: Es war einmal
ein Hamburger, der auf der Reeperbahn eine Kneipe
eröffnete. Der Mann hatte so viel Geschäftssinn
wie nötig und so viel schlechten Geschmack
wie möglich, um dabei eine Legende zu erschaffen.
Den Anfang machte naive Malerei: Der Gastronom
malte rechts und links von seiner Kneipentür
ein Paar entblößte Frauenbeine auf
die Wand. Fortan durfte jeder Besucher an Sex
denken, wenn er den Eingang zwischen den gespreizten
Schenkel nahm. "Zur Ritze", so der
subtile Name des Etablissements. Über die
Tische hängte der Kneipier Fernseher, dort
laufen heute noch alte Pornos und neue Sportberichte.
Am Tresen, so munkelt man, stehen an manchen
Tagen 150 Jahre Knast beieinander und trinken
Hacker-Pschorr, das Münchner "Bier
fürs Leben".

Fassen wir bis hierher zusammen:
Die "Ritze" ist ein Schuppen für
harte Kerle. Und welche Leidenschaft hat so
ein harter Kerl, außer Untergäriges
zu verkosten und sich in weiblicher Anatomie
weiterzubilden? Richtig: Er arbeitet an seinem
Körper, damit der auch schön hart
bleibt. Zur Legende wurde die "Ritze"
deshalb erst durch den zweiten Coup ihres Besitzers:
Das Untergeschoss - angeblich früher eine
Parkgarage - baute er Anfang der 80er Jahre
zum Trainingsraum für Boxer um, mit Umkleide,
Sandsäcken, Boxring und allem, was sonst
dazu gehört. Oben saufen, unten zuschlagen,
eine Metapher auf den Kiez-Style.

Rattengeflüster mit Udo
Quelle:www.ulindenberg.de
Deutschlands berühmtester
Sparring riecht heute, ein Vierteljahrhundert
nach seiner Eröffnung, nach allem, was
sich in einem fensterlosen Raum so ansammelt
an Duftmarken. Durch eine gepolsterte Tür
geht es hinein. Das Inventar: sechs durchgedroschene
Boxsäcke, die mehrfach gegen weiteres Aufplatzen
zugeklebt sind. Ein paar Punchingbälle,
im braunen Noppenboden verankert. Wände,
an denen zerschlissene Plakate kleben, mit den
60er Jahren beginnend, fortlaufend überklebt.
In der Mitte der Boxring, um den herum eine
bunte Lichterkette baumelt. Im hinteren Teil
die Umkleidekabine, auf dem Boden der Duschwanne
gedeiht ein Mikrokosmos aus Seifenresten und
Fußpilzkeimen.

Täglich ab 14 Uhr trainieren
hier Menschen verschiedenster sozialer Herkunft.
Ab und an sind auch mal Frauen dabei, sehr wahrscheinlich
kommen sie im Tross einer Hamburger Schauspielschule,
die hier bisweilen eine Trainingseinheit nimmt.
Ansonsten kommen mehrheitlich Zuhälter,
Türsteher und Jungen, die vom Beruf des
Profiboxers träumen. Sozialversicherungspflichtige
Freizeitsportler gibt es auch, und das ist schon
etwas Besonderes. Die Ritze ist kein normaler
Trainingsraum. Es gilt ein paar Benimmregeln
einzuhalten, will man sich Ärger ersparen.
Diese Spielregeln sind für Kiez-Neuankömmlinge
eigenwillig.

Benimmregel Nummer Eins:
Man hält Fremden gegenüber
die Klappe. Oder man verzichtet wenigstens darauf,
seinen Namen zu sagen, wenn man das eine oder
andere Detail über die Trainingsmodalitäten
preisgibt. Keine Namen heißt: keinen Ärger.
Das lernt man schnell hier, das hat der 16-jährige
Schwergewichtler auch schon begriffen, der hier
drei bis vier Mal die Woche trainiert und Profiboxer
werden will: "Mein Trainer hat gesagt,
dass ich meinen Namen nicht sagen soll",
presst er unter seinen Gewichten hervor. Nett,
dass er immerhin das zugibt. Er war übrigens
2004 Hamburg-Landesmeister im Schwergewicht.
Benimmregel Nummer Zwei
sind die Preise. Wie gesagt,
kein Wort darüber. Sonst ist die Geschichte
hier sofort zu Ende. Kein Wort darüber,
dass man oben am Tresen eine Eintrittsgebühr
zahlt, wenn man unten trainieren möchte.
Kein Wort darüber, dass die Trainer, die
unten auf Kundschaft warten, für ihre Arbeit
entlohnt werden wollen. Ein Mitarbeiter der
Ritze sagt, dass der Boxring hier "für
Freunde" sei. Ursprünglich war der
Raum für Jungs vom Kiez gedacht, und man
erzählt, jeder von ihnen habe dazu etwas
beigesteuert, vom Sandsack bis zur Duschtasse.
Klingt nach Boxer-Kommune, und ist vielleicht
auch so. Für diejenigen, die im Kiez-Universum
leben. Wer von draußen kommt, muss zahlen,
so macht man das auf dem Kiez, auch die Animierdamen
ein paar Läden weiter trinken ihren Piccolo
schließlich nicht für 15 Euro. Jede
Legende hat ihren Preis.

Der Boxkeller der Ritze ist
legendär, weil sich hier deutsche Profiboxer
auf ihre Kämpfe vorbereitet haben: Eckhard
Dagge, Henry Maske, Graciano Rocchigiani, Dariusz
Michalczewski. Zur Legende wurde der Kampfraum
mit der niedrigen Decke auch, weil hier das
Milieu trainiert, und weil das Anrüchige
immer eine gewisse Strahlkraft hat. An dieser
Stelle soll erwähnt werden, was Boxlegende
Max Schmeling einmal über die Ritze sagte:
"Zu meiner Zeit haben sie noch im Wald
trainiert - jetzt boxen sie schon im Puff."
Schmeling war nur Gast im oberen Teil der Ritze,
aber, auch so hält man Legenden am Leben,
die Biografie des größten deutschen
Boxers wurde vor einem halben Jahr im Boxkeller
vorgestellt. "Deutschland-Premiere"
taufte der Verlag den Event. Das klingt eindrucksvoller
als "Lesung im Ring", war aber nichts
anderes.
Solche Auftritte retten vor
dem Vergessen, und die "Ritze" ist
näher daran, vergessen zu werden, als es
ihren Anhängern lieb sein dürfte.
Die großen Namen der Box-Szene trifft
man jedenfalls längst auf der anderen Seite
der Alster, im "Universum", dem Stall
des Box-Promoters Klaus-Peter Kohl. Und das
Tresenpublikum hier wird auch kaum nachwachsen,
wenn Neugierige mit dem Wort "Arschlöcher"
verabschiedet werden. Nur, weil die Jungs mal
einen Blick zwischen die gespreizten Frauenbeine
werfen und dann doch nicht bleiben wollen.
Auf Gaffer und Fremde reagiert
man "Zur Ritze" eben mit Misstrauen.
Benimmregel Nummer drei lautet deshalb: immer
nett grüßen. Sagt auch einer von
denen, die hier nur zum Spaß boxen. Und
nicht, um jemandem beruflich aufs Maul zu hauen.
Eine großartige Sache sei es, sich in
einem Raum die Hände zu bandagieren, in
dem einst Weltmeister im Sparringskampf standen.
Eine gute Stunde dauert das Training meist für
ihn, mit Warmlaufen, Punches am Sack, und schließlich
Pratzen-Training im Ring. Danach ist er fertig,
und marschiert im Schweiße seines Angesichts
nach draußen. Noch größer als
die Gefahr, sich in der Ritze-Dusche einen Pilz
einzufangen, sei es, auf den Seifenresten auszurutschen.
Großartig findet den Boxkeller
auch jener junge Polizist, der eines Nachmittags
hereinkommt. Er ist nicht im engsten Sinne des
Wortes dienstlich hier. Aber privat ist der
Besuch auch nicht, auf keinen Fall. Sagen wir
mal: Er ist zu Recherchezwecken da. Seine Dienststelle
ist die Davidwache, das Polizeirevier mitten
auf der Reeperbahn. Weil er noch neu ist auf
dem Kiez und dessen Legenden nur vom Hörensagen
kennt, will er heute herausfinden, wie der sagenumwobene
Boxkeller wirklich ausschaut. Er marschiert
einmal durch den Raum, er nickt mit dem Kopf
und sagt: "Das hat Stil." Er würde
auch gerne mal hier trainieren, aber, leider,
das geht nicht. Privat haben die Beamten von
der Davidwache nämlich Kiez-Verbot, alles
andere würde Ärger mit den Vorgesetzten
geben, aber hallo! Doch, wie gesagt. Keine Namen,
das gilt auch für den Mann von der Davidwache.
Zur Ritze, Reeperbahn 140. Öffnungszeiten
für Boxer: täglich von 14 bis 20 Uhr.
Öffnungszeiten für Trinker: bis 4
Uhr morgens, am Wochenende auch bis 8 Uhr.
taz Nord Nr. 7832 vom 29.11.2005,
Seite 23, 251 Zeilen (TAZ-Bericht), Andrea Mertes
Quelle:
www.taz.de/pt/2005/11/29/a0272.nf/text
BildQuelle:http://frauhansen.de/